Barista: Marode Straßen, Brücken, Schienen … Deutschland macht sich mit gewaltigen Investitionen an die Sanierung der Infrastruktur. Wie steht’s um den Zustand der Sportstätten?
Lukas Pietsch: Die großen Stadien der Fußball-Bundesliga und die zahlreichen, hochmodernen Multifunktionsarenen in Deutschland müssen sich mit Sicherheit nicht vor der internationalen Konkurrenz verstecken. Auf der anderen Seite bröckelt es wortwörtlich an der Basis – und das schon seit Jahrzehnten. Der Zustand vieler Sportstätten für den Breitensport ist besorgniserregend: 6 % der Sporthallen und 14 % der Hallenbäder könnten in den kommenden Jahren Schließungen zum Opfer fallen, wenn dringend nötige Investitionen ausbleiben – so Daten des jüngsten KfW-Kommunalpanels.
Wie auch in anderen Bereichen der kommunalen Infrastruktur wurden hier wichtige Investitionen über Jahre hinweg verschlafen. Nicht aus bösem Willen – vielen Kommunen sind hier finanziell die Hände gebunden: Steigende Sozialausgaben und klamme Kommunalhaushalte erschweren vielerorts infrastrukturelle Investitionen in den Sport. Zwangsweise muss der Sport hier oft anderen Bereichen der kommunalen Daseinsvorsorge hintangestellt werden.
Die Sportmilliarde des Bundes und das Sondervermögen Infrastruktur sind prinzipiell wichtige Signale der Bundesregierung, bleiben aber hinter den Erwartungen zurück: Einerseits werden die Mittel kaum ausreichen, dem Sanierungsstau von schätzungsweise rund 31 Mrd. Euro die Stirn bieten zu können, andererseits ist vor allem der erste Projektaufruf zum SKS-Programm auf viel Kritik seitens der Kommunen gestoßen: Die kurzen Antragsfristen und hohen Mindestinvestitionssummen würden hier vor allem besser betuchte Kommunen mit „Schubladenprojekten“ bevorteilen.
Was macht funktionierende Sportstätten „wertvoll“ – für die Betreiber und für die Gesellschaft?
Sportstätten – vor allem solche für den Breitensport – sind weit mehr als nur Orte, an denen man sich körperlich betätigen kann. Sie sind Treffpunkt im Quartier, Gesundheitszentrum für Jung und Alt sowie soziale Anker einer Gemeinschaft. Aus Sicht der Betreiber ist eine Sportstätte vor allem dann „wertvoll“, wenn sie wirtschaftlich tragfähig, betrieblich effizient und zukunftssicher ist. „Nachhaltigkeit“, „Multifunktionalität“ und „Multicodierung“ sind hier die Stichwörter: Es geht also vor allem darum, eine Anlage zu schaffen, die ressourcenschonend betrieben wird, von vielfältigen Zielgruppen genutzt werden kann und stabile Einnahmen generiert – etwa durch hohe Auslastung mit Kursen, Training und Veranstaltungen. Während derlei Faktoren bei Neubauten bereits flächendeckend Berücksichtigung finden, ist es vor allem der veraltete Gebäudebestand, der vielerorts nicht mehr mit den aktuellen Anforderungen an eine moderne, funktionale Sportstätte mithalten kann – auf der anderen Seite aber auch Potenziale für Nachbesserungen bietet.
Für die Gesellschaft entsteht der wahre Wert hingegen vor allem durch die positiven Folgen des gemeinsamen Sporttreibens: Bewegung fördert Gesundheit, Begegnung stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gemeinsamer Sport schafft Identität. Wenn eine Sportstätte es schafft, wirtschaftliche Tragfähigkeit, ökologische Verantwortung und gesellschaftlichen Nutzen zu verbinden, dann wird sie zu einem echten Wertfaktor – mit stimmigem Betriebskonzept und regelmäßigen Instandhaltungsmaßnahmen sogar über Generationen hinweg. So kann sich eine Sportstätte schnell zum Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Stadtteils und zu einem echten Standortfaktor für Kommunen entwickeln.
Inwieweit sollten Sportfachverbände mit ihrer Trainings- und Wettkampferfahrung in die Sportstätten-Entwicklung einbezogen werden?
Die Anforderungen an eine moderne Sportstätte sind in den vergangenen Jahren deutlich komplexer geworden: Heutzutage finden ökologische und soziale Aspekte deutlich stärker Einzug in die kommunale Sportstättenplanung als noch vor ein paar Jahren. Vor allem in multifunktional nutzbaren Anlagen müssen hier immer auch die Belange verschiedenster Interessensgruppen in Einklang gebracht werden, die deshalb frühestmöglich in den Planungsprozess miteinbezogen werden sollten. Aber auch bei rein kommunalen Projekten geht der Trend bisweilen zur ämterübergreifenden, projektbezogenen Planung.
Zwar decken die meisten Normenkataloge, anhand derer Kommunen Sportstätten planen, die grundlegenden Anforderungen verschiedenster Sportarten ab, Verbände haben hier aber mitunter einen deutlich praxisnäheren Blick und können Ideen einbringen, die über standardisierte Vorgaben hinausgehen. Dachverbände – wie TEAM Sport-Bayern – verfügen über fundierte Erfahrungen aus Jahrzehnten von Wettkämpfen und Trainingsalltag, die sie in die Planung einfließen lassen können.
Sollte damit Sportstättenentwicklung im Grundsatz immer ganzheitlicher gedacht werden?
Eine solche sportfachliche Integration ist am Ende Gewinn für alle: Die Vereine finden optimale Bedingungen für die Ausübung ihrer Sportart vor, die Kommune verhindert teure Fehlplanungen und Nachbesserungen.