Im Profil: Annika Müller, Jg. 2006, Sportkletterin vom Deutschen Alpenverein Augsburg, amtierende Süddeutsche Meisterin und Bronzemedaillisten bei der DM 2025 in der Disziplin Lead.
Barista: In Deutschland wird seit Jahren an einer Spitzensportreform gearbeitet. Nun hat das Bundeskabinett den Weg zu einem neuen Sportfördergesetz frei gemacht. Wo liegt aus Sportlersicht derzeit der größte Förder- und Veränderungsbedarf?
Annika Müller: Der größte Förder- und Veränderungsbedarf liegt vor allem in der finanziellen Unterstützung. Die bestehenden Fördergelder reichen aktuell nicht aus, um allen Athleten und Athletinnen eine verlässliche Planungssicherheit zu ermöglichen. Im Sportklettern ist es beispielsweise so, dass es nur wenige verbandsfinanzierte Startplätze gibt. Die weiteren Athlet/innen müssen die Kosten für Anreise und Unterkunft bei (internationalen) Wettkämpfen selbst tragen. Darüber hinaus bestehen in Deutschland Defizite in der Förderung dualer Karrieren. Die Vereinbarkeit von Leistungssport und Schule, Ausbildung oder Studium ist seitens der Ahlet/innen oft nur mit hohem Maß an Eigenorganisation und Flexibilität möglich. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Trainingsbedingungen, insbesondere im Hinblick auf qualifiziertes Trainer/innenpersonal und Infrastruktur. Wir haben also eine ganze Reihe offener Baustellen.
Der neue Gesetzesentwurf sieht bei der Mittelvergabe eine vom DOSB und Sportfachverbänden unabhängige Spitzensport-Agentur als Verteilungsinstanz vor. Eine gute Idee?
Grundsätzlich ist die Einrichtung einer solchen Agentur zu begrüßen. Sie kann eine Chance sein, dass Fördermittel künftig effizienter und vor allem transparenter vergeben werden. Wichtig ist jedoch, dass die Entscheidungen der Agentur auf sportfachlicher Expertise basieren und die spezifischen Anforderungen der einzelnen Sportarten angemessen berücksichtigt werden. Deswegen ist es essenziell, dass Athletenvertreter/innen strukturell in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden.
Inwiefern könnte dabei die Einbindung der Sportler & Sportlerinnen, wie sie der Bergsportfachverband praktiziert, beispielhaft sein?
Eine Reform, die tatsächlich Verbesserungen für Athlet/innen bewirkt, kann nur gelingen, wenn diese frühzeitig und verbindlich in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden und nicht erst, wenn fertige Entwürfe vorliegen. In diesem Zusammenhang kann die Athlet/innenvertretung des Bergsportfachverbands auf jeden Fall als positives Beispiel dienen. In meiner Rolle als Athletenvertreterin habe ich hier die Möglichkeit, Ideen einzubringen und zwar im direkten und regelmäßigen Austausch mit Vertreter/innen des Fachverbands. Ein konkretes Beispiel ist die Anpassung des neuen Sichtungskonzepts, bei der unser Feedback aktiv berücksichtigt wurde. Hieraus ergibt sich eine klare Forderung: Im Hinblick auf die Spitzensportreform ist entscheidend, dass Athlet/innen nicht nur angehört werden, sondern echtes Stimmrecht haben.
Inwiefern könnte oder sollte für dich als Sportlerin eine mögliche Olympiabewerbung ein Motor für den Sport in Bayern und insbesondere für das Sportklettern sein?
Olympische Spiele im eigenen Land – vielleicht sogar in München – können dazu beitragen, den gesellschaftlichen Stellenwert des (Leistungs-)Sports deutlich zu erhöhen. In meinen Augen ist Sport in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung und ein solches Großereignis schafft Sichtbarkeit für seinen Wert. Damit steigt auch die allgemeine Bereitschaft, Sport stärker zu fördern. Für das Sportklettern sehe ich in der Olympiabewerbung die Chance, aktuelle positive Entwicklungen zu beschleunigen. Dazu zählen die zunehmende Professionalisierung, infrastrukturelle Verbesserungen sowie die wachsende öffentliche Wahrnehmung. Olympische Spiele in Deutschland könnten somit ein wichtiger Impulsgeber sein! Ich bin klar dafür!