Auf einen Espresso mit Peter Schlickenrieder, Langlauf-Ikone und Sportdirektor Skilanglauf im Deutschen Skiverband
Barista: Skilanglauf im Sommer klingt nach einer gemütlichen Nummer und nach Abwarten bis der Schnee kommt. Richtig?
Peter Schlickenrieder: Falsch. Wintersportler werden im Sommer gemacht. In der Spitze wie im Nachwuchs. Wir haben dazu Ende Juli im Skilanglauf in Oberstdorf ein neues Format an den Start gebracht: das SKIROCKS Festival. Erstmals kamen hier Nachwuchs, Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sowie Fans im Rahmen einer Veranstaltung zusammen. Da gab es zwei Tage unterschiedlichste Wettkämpfe, neue Event-Formate – immer im Mittelpunkt dabei der gemeinsame Spaß am Sport. Im Teamwettbewerb wurde dabei beispielsweise ein Crosslauf mit insgesamt acht Kraftstationen kombiniert. Dabei waren genau die Fähigkeiten gefragt, die auch auf der Loipe entscheidend sind: Kraft, Ausdauer, Taktik und die Bereitschaft, an die eigene Grenze zu gehen. Sportliche Leistung ist dabei das eine. Mindestens genauso wichtig war für mich, dass im Miteinander von Nachwuchs und Profis beim SKIROCKS Festival Werte wie Disziplin, Leistungsbereitschaft und Fairness gemeinsam vorgelebt und an die nächste Generation weitergegeben werden.
Welche Bedeutung hat eine Sommerveranstaltung wie diese für die Entwicklung des Skilanglaufs als Schneesport?
Das SKIROCKS Festival ist für uns ein Mosaikstein im Gesamtkonzept, den Nachwuchs, die Eltern und das sportliche Umfeld für den Skilanglauf zu begeistern. Und das dauerhaft, über ein spektakuläres Event hinaus. In der Vermittlung spielt Social Media eine immer wichtigere Rolle. Entscheidend ist dabei, vom bloßen Sichtbarmachen der Faszination in Posts und Reels in die Aktivierung in Vereinen und Schulen zu kommen.
Was heißt das für die Vereine?
Social Media ist „nur“ das Medium, das reale Sporterlebnis entsteht beim Machen.
Hier sind die Übungsleiterinnen und Übungsleiter und gut ausgebildete Trainerinnen und Trainer die maßgeblichen Schlüssel zum Erfolg. Ihr Wissen, ihre Persönlichkeit, ihr Charisma und Empathie entscheiden darüber, ob Sportlerinnen und Sportler, ganz gleich welcher Generation, den Weg in die Bewegung über den Breiten- und Wettkampfsport bis hin zum Hochleistungssport mitgehen. Im DSV wollen wir deswegen die Ausbildung von C‑Trainern von aktuell 20 pro Jahr auf 40 bis 2030 voranbringen. Darüber hinaus wollen wir weitere Ausbildungsangebote schaffen unterhalb der anspruchsvollen DOSB-Lizenz. Also Fortbildungen in Wochenendmodulen, damit beispielsweise auch 16-Jährige als Einstiegscoaches eine Trainingsgruppe übernehmen können. Je mehr Trainerinnen und Trainer da sind, desto mehr Kinder können aktiviert werden. Und zwar nicht nur sportartenspezifisch. In meinem Heimat-Skiclub, dem SC Schliersee, wurde eine Schwimmabteilung aufgemacht. Da sind mittlerweile rund 50 Kinder aktiv, ohne dass dabei von Schnee die Rede ist.
Was heißt das für Vereine und ihre Angebotskonzepte?
Wie in anderen Bereichen des Lebens kommt es auch in Vereinen und Verbänden darauf an, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Dazu braucht es Multiplikatoren vor Ort, die mit allen Akteuren im Austausch sind. Insbesondere mit den Eltern, um zu erfahren, was sie eigentlich für ihre Kinder und für sich selbst wollen, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen, was sie aktiv im Trainings- und Wettkampfalltag beitragen können und wo die Zumutbarkeitsgrenzen liegen. Es muss dabei immer auch klar sein, wie es weitergeht, wenn Leistungsziele nicht erreicht werden. Kinder auszuqualifizieren und für immer für den Sport zu verlieren, ist sicherlich die denkbar schlechteste Variante.
Wie können Vereine solche Multiplikatoren und Macher in ihrem ehrenamtlichen „Staff“ unterstützen und bei der Stange halten?
Die Ehrenamtspauschale ist dabei eine wichtige finanzielle Anerkennung, die allerdings losgelöst ist von der tatsächlich geleisteten Arbeit. Umso wichtiger wird da die Wertschätzung, die Trainerinnen und Trainern, Betreuerinnen und Betreuern im Verein entgegengebracht wird. Das können beispielsweise Auszeichnungen sein wie „Trainer des Jahres“. Im Deutschen Skiverband binden wir solche Ehrungen in Events wie die Einkleidung der Nationalmannschaften ein – das ist für die Betreffenden ein einzigartiges, unvergessliches Erlebnis.
Da können aber nur wenige herausgehoben werden. Wie kann solche Wertschätzung die Breite ausstrahlen?
Wertschätzung und Wissenstransfer gehen zum Beispiel Hand in Hand, wenn unsere hauptamtlichen Trainer in den Vereinen mit dem Trainerteam und den Athleten bei einem Langlaufstammtisch in den Austausch gehen. Das ist für beide Seiten ein Gewinn, bei dem ein Wir-Gefühl entsteht und sich eine übergreifende Langlauf-Kultur etabliert.
Wenn du nach all deinen Erfahrungen als Aktiver und Trainer auf deinen Karriereweg schaust, wo sähest du Verbesserungspotenzial?
Eine richtungsweisende Wegmarke im Leistungssport ist der Übergang in den C‑Kader, wenn’s ins Skigymnasium geht und Schule und professionelles Training zusammenkommen. Hier gilt es für die Sportler, Selbstverantwortung mit dem Wissen und der Erfahrung hauptamtlicher Trainerinnen und Trainer zu unterfüttern. Will ich den Weg wirklich gehen oder folge ich nur einem vorgegebenen Pfad? Ohne innere Überzeugung und ein klares Committment geht es im Hochleistungssport nicht. Die Begleitung und Unterstützung dieses Weges verlangt von den betreuenden Trainerinnen und Trainern ein gutes pädagogisches Gespür, das einhergeht mit höchster sportfachlicher Kompetenz. So kann genau das Vertrauen in den Sport und die eigene Leistungsfähigkeit entstehen, das den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage macht.
Was würdest du sagen, wenn deine Kinder deinem Vorbild folgen und in den Hochleistungssport gehen wollten?
Wenn sie dies wollen und die Voraussetzungen mitbringen, sollen sie dies auch machen können. Ich weiß am besten, dass einem Leistungssport unheimlich viel geben kann und eine hervorragende Lebensschule ist. Unter einer Bedingung: Dass es ihnen nicht nur darum geht, möglichst viel Sport zu machen, sondern sie diese Zeit auch zu nutzen, um das Leben danach gleich mitzudenken mit einer dualen Ausbildung und in einer Zielorientierung, die über das Körperliche hinausgeht.