Barista: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den 23. Mai 2026, den „Geburtstag“ des Grundgesetzes, erstmals als „Ehrentag“ und als deutschlandweiten Mitmachtag ausgerufen. Die Idee: Demokratie lebt von Menschen, die mitmachen. Welche Rolle spielen dabei für den Freistaat der Sport, Vereine und das Ehrenamt?
Joachim Herrmann: Das Ehrenamt ist seit jeher die tragende Säule jedes Vereins. Mit ihren vielfältigen Angeboten leisten Sportvereine unbezahlbare Dienste an unserem Gemeinwesen und unserer Demokratie. Der Sport ist tief in unserer Gesellschaft verankert und stößt seit langer Zeit Gutes in unserem Land an: Sportvereine entfalten ihre gesellschaftliche Wirkung über Generationen hinweg, für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft. Sie wirken verbindend, Gemeinschaft stiftend und integrativ. Sprache, Geschlecht, Hautfarbe und Religion spielen für den Sport und die gemeinsam geteilte Leidenschaft keine Rolle. Das von Ehrenamtlichen eingebrachte Engagement für „ihren“ Sport zeigt deutlich, dass Menschen bereit sind, sich mit Begeisterung für etwas einzusetzen, das ihnen am Herzen liegt und wichtig erscheint. Diese Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich für andere und die Gemeinschaft einzusetzen — auch im Hinblick auf die Förderung des Nachwuchses — ist ein großes Vorbild für eine lebendige und gesunde Gesellschaft.
Wie wird aus dem Sportplatz nicht nur ein Ort des Wettbewerbs, sondern auch ein Raum gelebter Demokratie?
Sportplätze und Sportvereine sind fundamentale Orte gelebter Demokratie in unserer Gesellschaft. Abseits des reinen Wettkampfs fungiert der Sportplatz als einzigartiger Sozialraum und informeller Lernort, an dem demokratische Werte tagtäglich ganz praktisch erfahren und eingeübt werden. Auf dem Spielfeld gilt das Prinzip der absoluten Gleichheit: Herkunft, Sprache oder sozialer Status spielen keine Rolle – es zählen allein das gemeinsame Ziel und die verbindlichen Regeln des Fairplay. Jugendliche lernen hier im Team, Kompromisse zu schließen, Verantwortung für andere zu übernehmen und respektvoll mit Siegen wie auch mit Niederlagen umzugehen. Das ist Demokratiebildung im direkten Miteinander. Darüber hinaus spiegelt die Organisationsform des organisierten Sports unsere demokratische Grundordnung wider. In den Vereinen erleben Mitglieder durch Wahlen, Satzungen und Mitbestimmung direkte demokratische Prozesse. Das ist ganz im Sinne des Grundgesetzes.
Zum Sport gehören Regeln. Inwiefern kann gerade der Sport zeigen, dass diese keine Einschränkung, sondern eine Ermöglichung von gemeinschaftlich erlebter Freiheit sind?
Regeln im Sport werden oft als Einschränkung missverstanden. In Wahrheit sind sie das Fundament, auf dem sportliche Freiheit und Gemeinschaft überhaupt erst entstehen. Ohne Regeln existiert kein Spiel, sondern Chaos. Deshalb sind Regeln existenziell für unser Zusammenleben. Gerade im Sport lernt man von Kindesbeinen an, im Grunde spielerisch, sich an Regeln zu halten. Ähnlich wie Gesetze im Staat oder Regeln im Familienleben sorgen Spielregeln und Schiedsrichter auf dem Sportplatz für ein faires Miteinander. Sport zeigt exemplarisch, dass echte Freiheit niemals absolut ist. Freiheit im Miteinander gelingt nur durch die freiwillige Bindung an gemeinsame Normen. Im gemeinsamen Jubel und im fairen Handschlag nach dem Abpfiff wird sichtbar: Regeln trennen uns nicht, sie verbinden uns.