Barista: Es heißt, unsere Kinder werden immer dicker und unbeweglicher. Stimmt das wirklich?
Susanne Holzmüller: Ja und das ist eine Katastrophe, deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Gesundheitswesen absolut besorgniserregend sind. Laut neuesten wissenschaftlichen Studien erreichen bei uns in Deutschland nur rund 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von mindestens 60 Minuten Bewegung pro Tag. Dem gegenüber steht eine Bildschirmzeit von mehr als drei Stunden am Tag. Tendenz stark steigend. Die Folge sind motorische Entwicklungsstörungen, die auch nicht irgendwann später einmal nachgeholt werden können.
Muss da nicht der Sport mit attraktiven Bewegungsangeboten ran?
Der Sport kann und muss hierbei eine wichtige Rolle spielen. Aber gerade beim Sport müssen wir an den Schulen eine massive systemische Unterversorgung konstatieren, die sich vor allem durch einen eklatanten Lehrkräftemangel im Sport manifestiert. Deswegen findet der Sport im Ganztag aktuell nur ganz vereinzelt statt. Um gegen die massiven Bewegungsdefizite anzugehen, braucht es aber viel mehr als beaufsichtigtes Toben auf dem Pausenhof.
Welche Rolle kann dabei der Vereinssport spielen?
Eine sehr wichtige. Wir sind in der Leichtathletikabteilung des TSV Gräfelfing seit 2020 mit ausgebildeten Vereinstrainern und ‑trainerinnen an die örtlichen Grund- und weiterführenden Schulen gegangen und haben dort qualifizierten Sportunterricht für Kinder und Jugendliche, vor allem im Ganztag, angeboten. Das kam sehr gut an. Um das Angebot zu erweitern und für möglichst viele Schulen und Betreuungseinrichtungen zu öffnen, haben wir dann vor zwei Jahren die „Ganztag in Bewegung“ gGmbH gegründet. Sie unterstützt aktuell über 850 Kinder in 21 Betreuungseinrichtungen und Schulen in der Ganztagesbetreuung. Und das mit mehr als 2.200 zusätzlichen Sportstunden pro Schuljahr. Wir beschäftigen acht festangestellte Trainer:innen, die im Schuljahr 2025/26 als Ergänzung zum Regelunterricht 2.200 Stunden Sportangebote für zirka 850 Kinder umsetzen.
Sind solche Dimensionen nicht ein bisschen zu groß für einen Sportverein als Partner in der Ganztagsbetreuung?
Das Vereinsengagement ist wichtig, kann aber nur ein erster Schritt sein. Um flächendeckend die Qualität des Bewegungsangebots im Ganztag sicherzustellen, ist ein systemischer Ansatz wie bei GiB gefragt, der weit über eine lokale Kooperation eines Sportvereins mit einer örtlichen Schule oder Kita hinausweist. Konkret gesagt: Es braucht Hunderte von Nachahmern unter den bayerischen Sportvereinen, die mit attraktiven Rahmenbedingungen motiviert werden, dem Beispiel der GiB zu folgen und eigene lokale Sportangebote für die geschätzt 4.000 Ganztagsklassen allein in Bayern zu schaffen. Dazu braucht es auf Vereinsebene qualifiziertes Fachpersonal mit pädagogischer und sportdidaktischer Expertise, verlässliche Strukturen mit dokumentierter Leistung und kontinuierlichem Qualitätsmanagement. Darüber hinaus bedarf es entsprechender administrativer Strukturen, man denke nur an Förderanträge, Kooperationsverträge etc. – das gibt es nur innerhalb professioneller Strukturen. Der Wille, sich in den genannten Bereichen zu professionalisieren, muss bei jedem Verein und Sportanbieter, der sich im Ganztag engagieren will, vorhanden sein.
Hier geht´s zum kompletten Interview mit Susanne Holzmüller und Andreas Krumpholz