Kinder werden immer häuslicher, verbringen immer mehr Zeit im Netz und pflegen ihre Online-Netzwerke. Was bedeutet das digitale „weg von der Straße“ für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?

Foto: GiB
Andreas Krumpholz: Das ist eine Katastrophe, deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Gesundheitswesen absolut besorgniserregend sind. Laut der neuesten MoMo 2.0‑Studie, einem Verbundprojekt von vier Universitäten, erreichen bei uns in Deutschland nur rund 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von mindestens 60 Minuten Bewegung pro Tag. Dem gegenüber steht eine Bildschirmzeit von mehr als drei Stunden am Tag. Tendenz stark steigend. Die Folgen sind bereits deutlich spürbar. Im Jahr 2023 wurden laut der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) bei mehr als 311.000 Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren motorische Entwicklungsstörungen diagnostiziert. Dies ist ein Anstieg von rund 64 Prozent im Vergleich zum Jahr 2008.

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Susanne Holzmüller: Wer in jungen Jahren immer mehr Zeit sitzend verbringt, etwa bei den Hausaufgaben, vor dem Fernseher und mit Freunden vor der Spielkonsole, verpasst grundlegende motorische Entwicklungen, die auch nicht irgendwann später einmal nachgeholt werden können. „Was Hänschen nicht lernt …“ ist keine Binse, sondern wissenschaftlich belegt. Motorische Defizite haben ganz unmittelbare Auswirkungen auf den gesamten Alltag, etwa beim Schreiben, Basteln und dem Benutzen von Besteck, aber auch beim Laufen oder Werfen. Bewegung hingegen stärkt nicht nur den Körper, sondern auch Konzentration, Selbstbewusstsein und soziale Kompetenz. Genau hier setzt unser Projekt „Ganztag in Bewegung“ an.
Welche Rolle kann dabei der Vereinssport bilden?
Susanne Holzmüller: Eine sehr wichtige. Wir haben in der Leichtathletikabteilung des TSV Gräfelfing sehr gute Erfahrungen gemacht mit lokalen Schulkooperationen im Rahmen des TSV-Nachwuchsentwicklungsprogramms „Kids move on“. Hier sind wir mit ausgebildeten Vereinstrainern und ‑trainerinnen an die örtlichen Grund- und weiterführenden Schulen gegangen und haben dort qualifizierten Sportunterricht für Kinder und Jugendliche, vor allem im Ganztag, angeboten. Das kam bei der Schulleitung, den Lehrer:innen, den Eltern und insbesondere bei den Kindern sehr gut an. Über die Schul- und Elternbeiträge sowie mit tatkräftiger Unterstützung namhafter Stiftungen, lokaler Unternehmen und Institutionen konnten wir die überwiegend hauptamtlichen Trainer:innen finanzieren. Das ist win-win für alle: für die Schulen und für den Sportverein, der seinen „Profis“ so auch eine Anstellungsperspektive bieten kann, die über Jobs in Fitnessstudios hinausgeht.
Andreas Krumpholz: Weil das GiB-Ganztagsangebot sehr schnell über die Gemeindegrenze hinaus großen Anklang fand und damit aber zugleich auch die Grenzen eines ehrenamtlich getragenen, „nur“ dem lokalen Vereinssport verpflichteten Gesamtvereins mit knappen administrativen Ressourcen aufgezeigt wurden, haben wir 2023 die gemeinnützige GmbH „Ganztag in Bewegung“ gegründet. Unser Ziel war, aus einem erfolgreichen lokalen Pilotprojekt ein systemisches Angebot für den Großraum München, dann für Bayern und vielleicht sogar später für den Bund zu entwickeln.
Wo steht GiB dabei jetzt?
Susanne Holzmüller: Derzeit betreut GiB in der Stadt und im Landkreis München sowie in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Starnberg 21 Schulen und Betreuungseinrichtungen, darunter zwei Kindertageszentren, zwei Kindertagesstätten und einem Tagesheim, sowie 13 Grundschulen und drei weiterführende Schulen. Wir beschäftigen acht festangestellte Trainer:innen, die im Schuljahr 2025/26 als Ergänzung zum Regelunterricht 2.200 Stunden Sportangebote für zirka 850 Kinder umsetzen.
Ab August dieses Jahres gibt es in Bayern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in den Schulen. Es beginnt für alle Kinder der 1. bis 4. Klassenstufe und soll dann stufenweise ausgebaut werden. Was heißt das für Euer Projekt?
Andreas Krumpholz: Es ist sehr zu begrüßen, dass die Politik mit dem Rechtsanspruch jetzt die Bedeutung der Ganztagsbetreuung deutlich macht. Der Sport kann und muss hierbei eine wichtige Rolle spielen. Aber gerade beim Sport müssen wir eine massive systemische Unterversorgung konstatieren, die sich vor allem durch einen eklatanten Lehrkräftemangel im Sport manifestiert. Deswegen findet der Sport im Ganztag aktuell nur ganz vereinzelt statt. Um gegen die massiven Bewegungsdefizite anzugehen, braucht es aber viel mehr als beaufsichtigtes Toben auf dem Pausenhof. Wie wir mit GiB gezeigt haben, können qualifizierte Trainer und Trainerinnen aus Sportvereinen und ‑verbänden diese Angebotslücke schließen. Aber eben nicht als Ehrenamtsmodell. Ehrenamtliche Vereinstrainer:innen stehen überwiegend im Beruf und trainieren ihre Sportler nach Feierabend. Sie sind damit hoch ausgelastet und kommen für die Ganztagesbetreuung zwischen 12 und 16 Uhr nicht infrage.
Aber ist Sport im Ganztag damit nicht auch eine Nummer zu groß für einen Sportverein?
Susanne Holzmüller: Das Vereinsengagement ist wichtig, kann aber nur ein erster Schritt sein. Um flächendeckend die Qualität des Bewegungsangebots im Ganztag sicherzustellen, ist ein systemischer Ansatz wie bei GiB gefragt, der weit über eine lokale Kooperation eines Sportvereins mit einer örtlichen Schule oder Kita hinausweist. Dazu braucht es qualifiziertes Fachpersonal mit pädagogischer und sportdidaktischer Expertise, verlässliche Strukturen mit dokumentierter Leistung und kontinuierlichem Qualitätsmanagement. Darüber hinaus bedarf es entsprechender administrativer Strukturen, man denke nur an Förderanträge, Kooperationsverträge etc. – das gibt es nur innerhalb professioneller Strukturen. Der Wille, sich in den genannten Bereichen zu professionalisieren, muss bei jedem Verein und Sportanbieter, der sich im Ganztag engagieren will, vorhanden sein.
Andreas Krumpholz: Da ist konsequentes Handeln gefordert. Um den Rechtsanspruch Ganztag in Bayern umzusetzen und dabei von vornherein absehbare Qualitätsdefizite von morgen zu vermeiden, müssen jetzt entsprechende Kapazitäten aufgebaut werden. Da ist der Freistaat gefragt, denn nur, wenn sich die derzeitigen Rahmenbedingungen verändern und ein Tätigwerden im Ganztag für Sportanbieter deutlich attraktiver wird, können wir mehr Vereine für den Ganztag gewinnen. Die GiB gGmbH hat modellhaft vorgemacht, wie es funktionieren kann: durch eine nachhaltige Mischfinanzierung, die neben den Ganztagszuschüssen auch Kommune, Land und gegebenenfalls den Bund miteinbezieht. Unser Angebot ist regional verankert, strukturell übertragbar und skalierbar für landesweite Programme. Das Rad muss also nicht neu erfunden werden. Aber wir sagen auch: Die Rahmenbedingungen sind noch nicht so, dass Vereine sagen „Da muss ich dabei sein“ – aber genau da müssen wir hinkommen, wenn wir die Sportangebote im Ganztag messbar erhöhen wollen.
Susanne Holzmüller: Dennoch wurden zuletzt unsere Anfragen nach staatlicher Anerkennung, Förderung und Zusammenarbeit beim Bayerischen Kultusministerium zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass private Einzelprojekte zwar sehr anerkennenswert, aber eben nicht förderfähig seien. Da fühlen wir uns grundlegend missverstanden. Es geht uns doch nicht um Unterstützung für irgendein Pilotprojekt, sondern darum, ob und wie der Freistaat Bayern Bewegung im Ganztag strukturell wirksam machen will. GiB macht vor, was möglich ist. Wir zeigen einen Weg auf, wie die systemische Umsetzung eines politisch anerkannten Ziels erreicht werden kann, das gleichermaßen Gesundheit, Prävention, Sozialverhalten, Bewegungsdefizite und den Zugang zu Sportangeboten für sozial Schwächere sowie Ganztagsqualität einschließt.
Andreas Krumpholz: Wir wollen und können für den Freistaat, die Schulen und den Sport ein praxisnaher Umsetzungspartner für Bewegung im Ganztag sein – und das im engen Schulterschluss mit Sportfachverbänden als sportarten- und disziplinübergreifende Kompetenzträger. Fest steht schon jetzt: Jeder investierte Euro aus staatlicher Förderung wirkt mehrfach – in Richtung Gesundheit und Prävention, Bildung und Sozialverhalten sowie Integration. Aber fest steht auch: Wenn wir nicht entscheidend die Rahmenbedingungen für das Engagement von Vereinen im Ganztag verbessern, werden wir nicht schnell ins Handeln kommen. An erster Stelle sollte die Durchsetzung von zwei zusätzlichen qualifizierten Sportstunden pro Woche für jede bayerische Ganztagsklasse stehen; diese Sportstunden müssen zwingend in jedem Ganztagskonzept und ‑budget einer jeden bayerischen Schule festgeschrieben werden. Um die Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft willen.

Foto: GiB / Lion Buro